Theoretischer Leitfaden

Hildegard öffnet den Zugang zu der Struktur der alten Klostermedizin mit dem Hinweis auf die Ich - Bin - Worte Jesu aus dem Evangelium nach Johannes. Sie bilden quasi einen Leitfaden für die Medizin.

Jeder Mensch, der Gott fürchtet und liebt,

 öffne daher voll Hingabe diesen Worten sein Herz 

und wisse, dass sie zum Heil des Leibes und der Seele 

nicht aus Menschenmund verkündet sind, 

sondern durch Mich, der Ich bin (LDO I - 17).

 

Paradigma lebendiges Leben

 Jesus Christus war nach dem übereinstimmenden Zeugnis des Neuen Testaments ein großer Arzt. Er konnte alle Krankheiten heilen, sogar Tote. Für uns heute er ein großer Religionsstifter, aber kein Arzt für den Körper. Seinem Heilen begegnet man mit ungläubigen Staunen. Der Christus medicus erscheint als ein liebenswerter Wunderheiler, aber nicht als der Schöpfer, der weiß, wie seine Schöpfung funktioniert. Damit kann ein intellektuell ehrlicher Zeitgenosse nichts mehr anfangen. 


In den Augen Rembrandts beobachtet der Zeitgenosse den heilenden Christus mit ungläubigem Staunen.
In den Augen Rembrandts beobachtet der Zeitgenosse den heilenden Christus mit ungläubigem Staunen.

Filme wie "Der Medicus" erwecken heute den Eindruck, als sei die Medizin vor unserer Schulmedizin primitiv gewesen - ohne Hygiene, ohne Anatomie, ohne den Mut, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Dabei überträgt der Film unsere Vorstellungen von Medizin auf frühere Zeiten.Die alten Heilkunden, die wir heute noch kennen und praktizieren, sind nicht "einfach" im Sinn von unwissenschaftlich und primitiv. Nur denken sie Natur und Medizin anders als wir heute. 

Filme wie der Medicus machen den wesentlich Unterschied deutlich: Im Zuge der Rezeption arabischer Medizin verändert sich das Modell eines Organismus. Leichen werden präpariert, Operationen durchgeführt. Nach und nach wird ein neues anatomisches Modell entwickelt. Wenn heute Medizinstudenten „Leben“ an der Leiche studieren, zeigt sich hier ein grundsätzlich anderes Denkmuster.

Alte Heilkunden haben ein anderes Paradigma: lebendiges Leben. Leichen werden nicht seziert, weil man noch nicht wusste, was wir heute zu wissen meinen, sondern weil man sich nicht dafür interessierte. Einer Leiche fehlt das Grundsätzliche einer medizinischen Behandlung: sein lebendiges Leben - Lebenskraft. Sie haucht dem toten Körper eine Seele ein, vereint die Knochen zu einem lebendigen Körper.

Ein modernes Beispiel ist die Organtransplantation. Nur lebendige Organe können zur Transplantation verwendet werden. Sie haben in Bezug auf den Körper eine andere Qualität.  

Rembrandt 1632, Mauritshuis Den Haag
Rembrandt 1632, Mauritshuis Den Haag

Wenn Medizinstudenten Leben an der Leiche lernen, erweckt es Interesse und Faszination. Das Paradigma lebendiges Leben tritt in den Hintergrund. Es gibt keine gemeinsamen Erklärungsmuster mehr. Das Paradigma lebendiges Leben hat ganz andere Organismusmodelle und eine andere "Anatomie". 


Für alte holistische Heilkunden bedeutet das Phänomen der Lebenskraft die Grundlage ihrer Medizin. 

  • Traditionelle Chinesische Medizin
Qi die Lebenskraft  
  •  Ayurveda
 Wissenschaft vom Leben  
  • Homöopathie nach Hahnemann

geistartige, als den materiellen Körper belebende Kraft

Organon § 9.

 
  • Klostermedizin nach Hildegard 

Heiliger Geist bewirkt Lebenskraft

 

Lebenskraft bei HIldegard von Bingen

Lebenskraft der Natur

Hildegard als Mensch des Mittelalters sieht Lebenskraft in einem persönlichen Weltbild. Lebenskraft bedeutet nicht eine wie auch immer geartete Energie - sie wird persönlich verstanden. Natur ist nicht einfach Natur - sondern Schöpfung - geprägt von einem lebendigen Schöpfer.

Natur wird verstanden von lebendiger Lebenskraft. Die unbelebte Natur ist darin eingeschlossen. 

 

Ich, das feurige Wesen göttlicher Wesenheit zünde hin über die Schönheiten der Fluren, ich leuchte in den Gewässern und brenne in Sonne, Mond und Sternen. Mit jedem Lufthauch, wie mit unsichtbaren Leben, das alles hält, erwecke ich alles zum Leben. Die Luft lebt im Grünen und Blühen. Die Wasser fließen, als ob sie lebten. Die Sonne lebt in ihrem Licht, und der Mond wird nach dem Schwinden wieder vom Licht der Sonne entzündet, damit er gleichsam von neuem auflebe. Auch die Sterne geben aus diesem Licht, wie wenn sie lebten, klaren Schein. ..(LDO I 2).

 

Auch der Mensch ist Teil der Natur. Er wird von lebendigem Leben her verstanden. 

 So wird ... das Fleisch durch die Lebenskraft lebendig. 

Einzig und allein durch diese lebendige Kraft lebt es als Fleisch.

Fleisch und Leben und das Leben im Fleisch sind ein einziges Leben

(und können nicht unterschieden werden). 

Dies war Gottes Absicht, als Er in Adam durch den Geist, den Er ihm einhauchte, Fleisch und Blut kräftigte, denn schon damals hatte er jenes Fleisch im Auge, in das er sich einzuhüllen dachte.

Und er hatte es brennend lieb.  HvB, LDO.  


1. Nach welchem Muster versteht Hildegard von Bingen Lebenskraft?

Sie sucht in der Bibel die Geschichte, in der das Wort Lebenskraft (lat. Vita) zum ersten Mal vorkommt. Hier findet sie den Bezugsrahmen, in dem sie das Wort versteht. 

1. Mose 1, 7. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 

Für Hildegard als Zeitgenosse des  Mittelalters ereignet sich „Schöpfung“ nicht am Anfang der Zeit, sondern jeden Augenblick. Mit jedem Atemzug schafft Gott mich neu, haucht mir neue Lebenskraft ein. 

 

Merke: Es ist nicht egal, was ich einatme. Luft hat eine große heilende  Qualität. 

 

2. Die tiefe Dimension barmherziger Liebe (Caritas)

Gott hat die Schöpfung nicht zufällig oder mechanisch geschaffen. Sie hat nicht nur ein wunderbares Design, sondern mit ihr folgt der Schöpfer der Stimme seines Herzens. Er wusste schon vorher, dass die Menschen von ihm abfallen. Mit der Lebenskraft aus dem  Atem hat er sie an sich gebunden unabhängig davon, ob sie an ihn glauben oder nicht. Er liebt den Menschen, auch wenn dieser ihn nicht beachtet oder ihm feindlich gesonnen ist. 

In dem Moment, wo die Lebenskraft nicht mehr die Basis der Medizin ist, hat auch Gott keinen Platz mehr in der Medizin. So hat es Hildegard erlebt. 

 

3. Das Ähnlichkeitsprinzip

Hildegard verknüpft die Lebenskraft mit dem Ähnlichkeitsprinzip, das wir heute aus der Homöopathie kennen. "Gott schafft den Menschen zu seinem Ebenbild und zu seiner Ähnlichkeit", damit er ihn so heilen kann. 


Codex Lucca, Miniatur 1
Codex Lucca, Miniatur 1

In diesem Ausschnitt aus Vision 1 des Codex Lucca kann man deutlich die Bedeutung der Lebenskraft bei Hildegard von Bingen erkennen. 

Die Darstellung des Organismus

Der Tod wird nicht als er selbst dargestellt, sondern in einer Situation im Angesicht des Todes. Das Monstrum ist noch nicht gestorben, aber es geht unweigerlich auf den Tod zu.

Das Ähnlichkeitsmodell

Man kann nicht unterscheiden: ist das Monstrum Christus - ein Mensch - eine Darstellung z.B. Hippokratischer Medizin. Im toten Christus wird das heilende Simile zum Heilprinzip für die verlorene Menschheit. In jeder Heilung mit dem Simile spiegelt sich das Geheimnis der Menschwerdung Christi. 

Ich bin die Lebenskraft (Ego vita sum LDO I 2)

Das Mittelalter hat - anders als wir heute - ein persönliches Weltbild. Lebenskraft wird nicht von Energie, sondern von einer Person her verstanden - Gott in Christus selbst. Sie gehört zu der Trinität Gottes. 

 

Und so diene ich helfend. Denn alles Leben erglüht aus mir. Das ewig sich gleichbleibende Leben bin ich, ohne Ursprung und ohne Ende. Eben dies Leben ist Gott, stetig sich regend und ständig am Werk, und doch zeigt sich das Leben in dreifacher Kraft: Denn die Ewigkeit wird "der Vater" genannt, das Wort "der Sohn", und der Hauch, der beide verbindet, der "Heilige Geist". 


Lob sei der Dreieinigkeit

die Klang ist und Leben und die Schöpferin aller und das Leben aller ist.

Die Gemeinschaft der Engel lobt sie,

siehst wunderbarer Glanz der Geheimnisse,

die die Menschen nicht kennen,

und in allem ist sie die Lebenskraft.