Historische Aspekte

Auf der Suche nach einer verlorenen Medizin

 Die alten Heilkunden, die wir heute noch kennen und praktizieren, haben ihre Wurzeln in ihrer Religion: die Traditionelle Chinesische Medizin im Daoismus, Ayurveda in den indischen Hochreligionen, die Homöopathie nach Hahnemann in der griechischen Philosophie und Götterwelt. Eine christliche Heilkunde ist nicht bekannt. Das ist eigentlich erstaunlich, denn Jesus Christus war nach einstimmigen Zeugnissen ein großer Heiler. Für die alte Kirche war er der „Christus medicus“ - der Schöpfer selbst, der wußte, wie seine Schöpfung funktioniert. 

 

Für uns heute ist Christus ein „Heiland“ der Seele, aber kein Arzt für den Körper. Der Gedanke, die Bibel wie eine spirituelle Heilkunde zu lesen und ihr eine medizinische Entsprechung zu geben, erscheint unwissenschaftlich und suspekt. Von unserem naturwissenschaftlichen Verständnis aus haben wir keinen Zugang zu einer holistischen Medizin aus einer Zeit vor der Universität. 

 

Bei einer Suche nach einem Christus Medicus kommt der Benediktinischen Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 - 1179) eine besondere Bedeutung zu, denn sie ist eine Zeitzeugin eines Umbruchs in der Geistesgeschichte des Mittelalters, der einer Wasserscheide gleichkommt (Prof. Angenendet, Münster). In prophetischer Weise sieht sie den Verlust der Klostermedizin voraus. Sie hält es für ihre persönliche Aufgabe, die alte Tradition der Klöster der Nachwelt zu erhalten und für die christliche Naturphilosophie und Medizin zu streiten.

 

Hildegards Werke

Auf der Suche nach einer verlorenen Medizin steht im Zentrum der Betrachtung Hildegards als Primärquelle ältestes und historisch glaubwürdigstes Werk Liber Divinorum Operum (Welt und Mensch/ Das Buch vom Wirken Gottes). Es ist illustriert mit den Bildtafeln des  Codex Lucca aus dem 12. Jahrhundert. 

Die hier ausgesuchten Miniaturen aus dem Codex Lucca gehören zu den großen Werken christlicher Kunst. Sie sind ursprünglich als "Bibel für Arme" (Biblia pauperum) konzipiert. Die Klöster wollten einfachen Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, einen Zugang zur Bildung verschaffen und haben ihre theologischen Werke gemalt. 

Auf den Bildern ist der heilende Christus dargestellt in der Symbolsprache alter Medizin. Auf jedem Bild wird er anders wahrgenommen. 

 



Hildegards weiteren Werke haben den Status von Sekundärquellen. Auf dieser Seite werden aufgeführt: 

  • Die Arzneimittellehre Physica
  • Die psychosomatische Schrift Liber vitae meritorum
  • Symphonie

Das Mönchtum der alten Kirche

Woher nimmt Hildegard ihr Wissen in Medizin?

Hildegard hat Medizin noch im Kloster gelernt. Ihre Medizin ist eng verwoben in die Geschichte der Benediktiner und hat ihre Wurzeln im Mönchtum der alten Kirche.

Jerusalem

Die Klosterbewegung versteht sich in direkter Kontinuität zu Christus und der Urgemeinde in Jerusalem. Eine besondere Bedeutung hat für sie der Evangelist Lukas. Nach altkirchlicher Tradition ist er der Verfasser eines Evangeliums und der Apostelgeschichte. Er war nicht nur ein griechischer Gelehrter und Schriftsteller, sondern Arzt, und das bedeutet in der damaligen Zeit Arzt der Hippokratischen Heilkunde. Die Römer hatten keine eigene römische Medizin, sondern von den Griechen die hippokratische Heilkunde übernommen. Lukas war in ihre „Geheimlehre“ und ihre Riten eingeweiht. Als er zum Glauben an Christus kam, hat er nicht noch einmal „Medizin studiert“, sondern von seinem Verständnis aus die Andersartigkeit der Lehre Jesu erfasst. Er war von seinem Wissen her durchaus in der Lage, die Lehre Christi aus der Sicht der Hippokratischen Heilkunde medizinisch zu deuten.

Wüstenmönche

Die Mönchsbewegung breitet sich aus und  bildet im zweiten Jahrhundert ein zweites Zentrum in der ägyptischen Wüste Nitria und Kelia

Bedeutende Persönlichkeiten - die sogenannten Wüstenväter - prägten die z.T. sehr großen Mönchsorden mit bis zu 10000Mönchen. Sie sind ausnahmslos große „Wunderheiler“. Die wichtigsten sind: 

  • Antonius (251 - 356), der exemplarische „1. Mönch“, auf den der Orden der Antoniter zurückgeht. 
  • Evagrius Pontius (345 - 399), ein griechisch sprachiger Gelehrter. Er gilt als der Mittler zwischen westlichen und asiatischen Christentum. Übersetzungen seiner Schriften gelangten im 12. Jahrhundert bis nach Turban (China), wo es in der Zeit christliche Gemeinden gibt. 
  • Johannes Cassianus (360 - 435) übersetzt die Schriften von Evagrius Ponticus in die lateinische Sprache und macht sie so dem gebildeten Europäer zugänglich. 
  • Benedict von Nursia (480 - 547) gilt als einer der Vätergestalten Europas. Sein Orden sieht seine erste Aufgabe in der Medizin. 

Die Mönche lebten zwar in der Wüste, aber sie waren auf keinen Fall isoliert. Sie waren eine „Touristenattraktion“ der damaligen Zeit (Prof. Löhr, Heidelberg) und hatten einen weiten Kommunikationsradius bis nach China und Indien, wo schon früh christliche Gemeinden entstanden. Der intensive Austausch wurde ermöglicht durch die „Seidenstraße“ - alte Karawanen- und Handelswege. Mit dem christlichen Glauben wurde auch die christliche Medizin weitergegeben.

Über die Wüstenväter Antonius, Evagrius Ponticus, Cassianus und Benedikt von Nursia verläuft der Rezeptionsweg christlicher Medizin nach Europa und bleibt dort viele Jahrhunderte lang die vorherrschende Heilkunde, ohne dabei die Hippokratische Medizin zu eliminieren, im Gegenteil, die Schriften Hippokratischer Heilkunde wurden in den Klöstern weiter abgeschrieben und tradiert. Ohne diesen Dienst wäre sie in den Wirren der Völkerwanderungen verloren gegangen.  

 

Die Mönche lebten konsequent den Weg der Demut. Der wichtigste Verfasser der damaligen Zeit war "Anonymus". Gott allein sollte die Ehre gegeben werden. Das macht eine historische Untersuchung schwierig. 

 

Hildegards Zeitgeschichte

 Im 8. Jahrhundert war der Orden der Benediktiner in allen Bereichen des wissenschaftlichen Lebens tonangebend. Das 12. Jahrhundert  wird in der Geschichtsschreibung als ein Aufblühen bezeichnet. Die Ernährungssituation hat sich gebessert, die Bevölkerung wächst zwischen 1000 und 1348 um mehr als das Doppelte, die großen Dome werden gebaut. 

Paradox zum äußeren Erfolg verliert das Christentum seine geistige Ausstrahlung. Es wird geschwächt von dem Schisma der Kirchenspaltung von östlicher und westlicher Kirche, den Kreuzzügen und der allgemeinen inneren Dekadenz des Klosterwesens.

 

Eine neue Rezeption

 Das Kloster Montecassino wird im 12. Jahrhundert der entscheidende Ort eines neuen geistigen Umbruchs und einer neuen Rezeption abendländischen Wissens. Sie hat ihre Wurzeln nicht mehr in der christlichen Überlieferung, sondern im Islam und seiner Rezeption der Tradition. Eine neue Medizin entsteht, die sogenannte Schulmedizin, die sich kontinuierlich entwickelt hat bis heute. Sie passt nicht mehr ins Kloster und wird im 13. Jahrhundert endgültig von der Universität abgelöst. 

 


Der Segen der Gastfreundschaft

Das naturwissenschaftliche Weltbild unserer Zeit ist ein Weltbild nach der Medizin der Klöster. Heute erkennen wir immer mehr, dass es uns in eine materialistisch - mechanische Sackgasse geführt hat. Von ihm aus haben wir nur einen partiellen Zugang zur alten Medizin der Mönche.  Für einen tieferen Zugang zu einem Christus medicus muss man ihn im Kontext seiner Zeit und ihrer Medizin sehen. 

Dieser Gedanke ist auch historisch vertretbar. Die alten Heilkunden sind durch einen intensiven Informationsfluss miteinander verbunden und sich - betrachtet man sie unter dem Aspekt der Weisheit - erstaunlich ähnlich. Historisch denkbar wird die Kommunikation durch die Seidenstraße, die Europa mit Asien und Afrika verbindet. Mit ihr ist auch Hildegard an das Informationsnetz angeschlossen. Erst im 14. Jahrhundert verliert sie ihre Bedeutung.

Handelswege sind zugleich Kommunikationswege, und so muss es nicht als ein Zufall erscheinen, wenn wir heute die christliche Heilkunde nicht in der Universität, sondern in den Lehrbüchern alternativer Medizin finden. 

Auch wenn die  gängige Hildegardmedizin die Klosterheilkunde von unserem modernen Weltbild aus betrachtet, soll sie hier in den Kontext alter Medizin gestellt werden.